Wehrgerechtigkeit

Wehrdienst: „Da herrscht pure Willkür“ – so titelt Spiegel Online. Als wäre das was neues… Meine Musterung ist zwar schon ein paar Jährchen her, aber schon damals war das Musterungsergebnis mehr eine Frage des Glücks als ein Ergebnis der ärztlichen Untersuchung. Durfte ich höchstpersönlich erleben. Während ich mit einem Attest meines Orthopäden zur Musterung kam, welches mir kaputte Knie bescheinigte (die ich auch wirklich hatte und habe) hatte ein Freund von mir am gleichen Tag nichts besseres als die Ausrede, er wäre Bettnässer. Wir wurden aber von zwei Ärzten „untersucht“. Ergebnis: er war untauglich und ich war angeblich fast komplett tauglich (2). Damit wurde natürlich mein Ehrgeiz geweckt und letztlich wurde ich dann später doch noch ausgemustert, aber ich hätte es offensichtlich auch einfacher haben können, ganz ohne ärztliches Attest…
Und inzwischen scheint das ja noch schlimmer geworden zu sein:

Während 1995 nur zwölf Prozent der Wehrpflichtigen ausgemustert wurden, waren es fünf Jahre später schon 18 Prozent. Und im Jahr 2005 hat sich der Anteil der Untauglichen auf 36 Prozent glatt verdoppelt. „Die Zahl der Wehrpflichtigen wird willkürlich verringert“, folgert Tobiassen. Für realistisch hält er eine Durchfallquote von zwölf Prozent. Doch Ungerechtigkeit liege in der Natur der Wehrpflicht in Deutschland: Wenn von 430.000 Männern eines Jahrgangs weniger als 60.0000 für den Wehrdienst gebraucht würden, lasse sich das schlicht nicht fair organisieren.

Wäre es da nicht mal langsam Zeit darüber nachzudenken die Wehrpflicht abzuschaffen und sich sinnvolle Alternativen zu überlegen? Berufsarmee und geförderte freiwillige soziale und ökologische Jahre statt Zivildienst?

Autor: Carsten Dobschat

Geboren 1974, links-liberal, früher Mitglied der SPD und Jusos, dann lange parteilos, später Piratenpartei, wieder parteilos und seit November 2016 wieder SPD-Mitglied - wenn auch mit Bauchschmerzen, aber man muss ja schließlich was tun gegen den Rechtsruck.

3 Gedanken zu „Wehrgerechtigkeit“

  1. Unter den Jugendlichen steigen auch Übergewicht, Diabetes und Asthma. Das man die Wehrdienstleistenden nicht will sehe ich eher als Gefahr, da man sich zunehmend als Einsatzarmee in Afghanistan, Somalia, Kosovo etc. positioniert. Aufgabe der Bundeswehr ist aber auch der Katastrophenschutz, man denke noch an das Oderhochwasser, so was kann man nie vorraussehen. Wer weiss wann bei uns etwas ähnliches wie Katrina kommt, mich würde es sehr ärgern wenn in so einem Fall die Bundeswehr am Hindukusch sitzt statt im eigenen Land zu helfen. Es gibt übrigens auch die Alternative THW oder Feuerwehr, wer dort ehrenamtlich tätig ist muss auch nicht zum Bund/Zivi. Grundsätzliches finde ich es keine gute Idee bei der momentanen Jugendarbeitslosigkeit den Zivildienst abzuschaffen, da es nur dazu führt, dass sich die Arbeitslosen als 1-Euro-Jober auf dem Zivijob finden, von daher ist es noch ungerechter als die jetzige Situation.

  2. Es ist simple Mathematik. Bei Bedarfszahlen von bald nur noch 55.000 Wehrpflichtstellen, von denen der größte Teil für freiwillig Längerdienende vorgesehen ist, kann es keine Gerechtigkeit geben. Also bedient man sich einer formaljuristischen Begriffsdefinition. Wehrgerechtigkeit bezieht sich immer nur auf die Gruppe der wirklich zur Verfügung stehenden wehrfähigen jungen Männer und hier kann der Staat tricksen bis zum geht nicht mehr. Heute gibt es mehr Zivis als Wehrpflichtige und über die Hälfte muss überhaupt nichts nicht mehr machen. Besserung ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil. Für die Betroffenen heißt das, Zeitverlust, Zwangsarbeit und vor allem der gigantische Verlust eines ganzen Jahresgehaltes. Warum gibt es also noch die Wehrpflicht? Weil es so schön bequem ist für die Bundeswehr, weil es die Zivis gibt, weil viele Richter in dieser Frage schlichtweg Unrecht sprechen, weil es viel zu viele gibt, die meinen junge Männer müßten Dienen auch wenn es nur noch eine Minderheit ist.

  3. Die Bundeswehr soll natürlich bei Katastrophen helfen, aber ihr eigentlicher Zweck ist es nicht. Sie muss oftmals helfen, weil Länder und Kommunen hier sträflich ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. In Bezug auf die Wehrpflichtfrage gilt, warum Berufssoldaten eigentlich nicht auch Sandsäcke schleppen sollen. Der Katastrophenschutz würde durch einen Wegfall der Wehrpflicht nicht zusammenbrechen, sondern nur neu organisiert werden müssen. Schließlich überleben die Länder ohne Wehrpflicht, und die stellen in Europa inzwischen die Mehrheit, ja auch.
    Bezüglich der Arbeitslosigkeit ist anzumerken, dass die allgemeine Wehrpflicht die höhere Arbeitslosigkeit bei jungen Männern (im Vergleich zu jungen Frauen) erst verursacht. Sie kann daher nicht zu ihrer Linderung beitragen. Ganz im Gegenteil würde eine Professionalisierung der Bundeswehr und der verschiedenen Pflegedienste sehr viele Jobs schaffen und das nicht nur im 1 Euro Bereich.

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