Überwachung und Qualitätsjournalismus

Überwachung und Qualitätsjournalismus

In Neunkirchen plant die Stadtverwaltung, was viele Stadtverwaltungen planen und auch schon machen: Mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum. Nun kann man dazu stehen, wie man möchte, wünschenswert wäre aber in jedem Fall ein sachlicher Umgang mit solchen Themen. Einfach mal schauen: Was bringt Videoüberwachung und bringt sie genug, um die damit einhergehenden Nachteile aufzuwiegen. Denn Nachteile, mindestens aber offenen Fragen, bringt so eine Videoüberwachung immer: Wie lange werden die Aufnahmen gespeichert? Was passiert mit den Aufnahmen? Findet eine Verknüpfung der Aufnahmen mit Datenbanken statt, es gibt ja immerhin recht gute – technisch gesehen – Gesichtserkennungssysteme? Und die wichtigste Frage: Hilft Videoüberwachung wirklich?

Tatsache ist, dass Videoüberwachung keine Verbrechen verhindert. Flughäfen z.B. gehören zu den am stärksten überwachten Bereichen – und wo hat sich in Brüssel gleich noch mal jemand in die Luft gesprengt? Bestenfalls kann Videoüberwachung helfen Verbrechen aufzuklären. Klar, das wäre ja schon mal was, stimmt. Aber wie gesagt, über so was sollte man sachlich reden, sich genau anschauen, was entsprechende Statistiken dazu sagen und dann entscheiden.

Natürlich kann man es auch so machen, wie die Saarbrücker Zeitung, die titelt nämlich mit:

Pro Überwachung
SZ-Umfrage: Deutliches Ergebnis für Neunkircher Video-Pläne

Oh, die Bevölkerung ist also deutlich für die Überwachung? Möglich wäre es ja, aber die hier von der Saarbrücker Zeitung als Quelle herangezogene Umfrage ist genau gar nichts wert. Null Komma Garnichts. Das gibt die SZ ja sogar in einem Satz zu (Hervorhebung von mir):

Dazu hat die Lokalredaktion jetzt eine nicht repräsentative Umfrage bei den Lesern im Kreis gestartet.

Ach so, eine nicht repräsentative Umfrage. Der Rest des Beitrags ist aber so geschrieben, als hätte das Umfrageergebnis einen höheren Wert als „Ach guck an, nett, aber nutzlos“. Da wird mit Prozentwerten herumgefuchtelt und es werden Schlüsse gezogen. Das Ergebnis der Umfrage stärke „hingegen dem Verwaltungschef den Rücken“. Neunkirchen hat rund 47.000 Einwohner (Stand 31.12.2015), von denen hat die SZ in einer nicht repräsentativen Umfrage 148 Personen befragt. Wie die Befragten ausgewählt wurden? Tja, das läuft so:

Wer dabei mitmachen will, muss sich einmalig registrieren. Und wer schon an Befragungen unter sz-umfrage.de teilgenommen hat, kann seine Login-Daten weiter nutzen. Umfrage-Teilnehmer werden übrigens mit Punkten belohnt, die in Einkaufsgutscheine umgewandelt werden können.

Also nur, um das richtig einzuordnen: 148 Personen aus Neunkirchen, die sich auf einer Umfrageplattform der SZ registriert haben und dort für die Teilnahme an Umfragen Punkte bekommen, die sie gegen Einkaufsgutscheine eintauschen können, haben an einer Umfrage teilgenommen und die SZ baut daraus einen durchaus umfangreichen Beitrag und erweckt den Eindruck, die Umfrage hätte irgendeine Bedeutung und würde aussagen, dass es in der Bevölkerung eine überwältigende Zustimmung zu den Plänen gäbe. Kann man so machen, ist dann halt… wisst ihr schon, zumindest wohl nichts, was das Siegel „Qualitätsjournalismus“ verdient. Aber es ist ja schon länger so, dass man annehmen muss, dass alleine das Drucken auf totes Holz aus irgendwelchen Texten ein „qualitätsjournalistisches Produkt“ machen würde.

Über den Klassiker der Überwachungssprüche in dem Beitrag mag ich mich schon gar nicht mehr aufregen. Klar, wer nichts zu verbergen hat usw. – ich frage mich gerade, was der gute Mann, der laut SZ diesen Satz gesagt hat, sagen würde, wenn irgendwelche Leute anfangen würden, ihm mit laufenden Kameras nachzulaufen. Nein, das ist keine Aufforderung so einen Mist zu machen, wirklich nicht, es ist nur ein Gedanke. Man muss und darf nicht jeden Gedanken in die Tat umsetzen.

Worüber man allerdings nachdenken könnte: Bei solchen Teilnehmerzahlen der Plattform der Saarbrücker Zeitung wäre es doch gar nicht so schwer mit ein bisschen Mobilisierung bei diesen Umfragen genau die Antworten zu bekommen, die einem passen. Klar, ist immer noch nicht repräsentativ, aber das hindert die SZ ja nicht, das als Grundlage für ihre Beiträge zu verwenden…

Beitragsfoto von ElasticComputeFarm, Lizenz: CC0 Public Domain

Autor: Carsten Dobschat

Geboren 1974, links-liberal, früher Mitglied der SPD und Jusos, dann lange parteilos, später Piratenpartei, wieder parteilos und seit November 2016 wieder SPD-Mitglied - wenn auch mit Bauchschmerzen, aber man muss ja schließlich was tun gegen den Rechtsruck.

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