Lasst es bleiben! Aufhören! Es ist eh alles für den Papierkorb!

Nur eine kurzer Hinweis vorne weg: sollte im folgenden Text dann und wann der Eindruck entstehen, ich hätte einige Vorurteile gegenüber bestimmten Berufsgruppen, so mag das insofern zutreffen, als dass ich tatsächlich einen Haufen Klischees kenne und sie auch ganz gerne in liebevoller und humoristischer Art und Weise pflege. So ist mir durchaus klar, dass nicht alle Musiker chaotische Technik-Versager sind, die sich einen Termin keine 5 Minuten merken können, das hält mich aber nicht davon ab, ein herzliches „So sind sie eben, die Musiker“ in den Raum zu werfen, wenn ein Musiker sich mal wieder wie ein chaotischer Technik-Versager benimmt, der sich einen Termin keine 5 Minuten merken kann.

Am Rande des Auftritts von Heinz Ratz im Rahmen seines Flussprojekts „Die Lee(h)re der Flüsse“ in der Sparte4 in Saarbrücken hatte ich eine Diskussion mit einem Vertreter der Berufsgruppe der Pädagogen, bei der ich mehr und mehr den Eindruck bekam, dass wir uns um die Zukunft in diesem Land wirklich keine Sorgen mehr machen müssen. Dieses Land hat keine Zukunft. Null. Verschissen. Aus und vorbei. Zumindest falls dieser Mensch einen typischen Vertreter seiner Berufsgruppe darstellen sollte – eine Reihe von Klischees in diese Richtung vereint er zumindest in seiner Person. Ich versuche hier mal kurz zusammen zu fassen, was er mir in seiner unendlichen Weisheit (die mag er wohl in seinem Studium der Sozialwissenschaft wie üblich mit Löffeln – natürlich aus recycelter Dachpappe oder so – verspeist haben) als Erklärung für diese Welt präsentiert hat:

Wählen zu gehen sei schon mal gleich absolut sinnlos, er wisse ja nicht mal, wo er sein Kreuz machen solle, außerdem kann man das System ja sowieso nicht verändern. Unmöglich: falls man den Großen in diesem Land ans Bein pinkelt, dann pissen die zurück – und die haben schließlich den dickeren Strahl. Und da man das System ja sowieso nicht ändern könne und im Internet und über Mobiltelefone ja heute schon jeder überwacht würde, jede eMail irgendwo gespeichert und jede angesurfte Webseite protokolliert würde solle man solche Technik einfach vermeiden. So einfach wäre das. Mein Einwand, dass das ja durchaus eine Einschränkung der persönlichen Freiheit wäre konnte er natürlich nicht so stehen lassen: man habe ja schließlich die Freiheit auf Internet und Handy zu verzichten… oder aber das Internet einfach nicht daheim im persönlichen Lebensbereich zu nutzen, sondern zum Beispiel bei Freunden, in Internet-Cafés oder am Arbeitsplatz. Da könne die Überwachung ja nicht personengebunden funktionieren. Überhaupt, dieses Internet-Dingens: Humbug, Blödsinn, braucht kein Mensch. Kommunikation? Gar „soziale Interaktion“ im Netz? Niemals! Soziale Kontakte sind ausschließlich solche, mit denen man ganz real im selben Raum sitzt – alles im Netz: für den Papierkorb! Auch diese komische Petition gegen das Zensursula-Gesetz: für den Papierkorb. Das Gesetz stoppen? Ja wozu denn, die würden doch da oben eh alle machen, was sie wollen – die bräuchten doch dafür kein Gesetz!

Überhaupt sei es absolut idiotisch Ideale zu haben, Utopien, Wünsche oder gar irgendwas verbessern zu wollen. Niemals würde das Gelingen, noch nie wäre das System verändert worden! An dieser Stelle machte ich den Fehler zu erwidern, dass es ja durchaus Fälle gab, in denen echte Verbesserungen und Fortschritte herbei geführt wurden. Nicht von heute auf morgen, sondern durch Beharrlichkeit und langen Atem, aber zum Beispiel ist ja die Homosexualität in Deutschland nicht mehr strafbar, homosexuelle Lebensgemeinschaften in der Gesellschaft größtenteils akzeptiert. Oder Umweltschutz und Kernenergie: es hat lange gedauert, aber inzwischen kommt keine Partei mehr am Thema Umwelt vorbei und es gibt immerhin ein Gesetz zum Atomausstieg. Ja, das war ein Fehler, ich hätte mir lieber ein Bier holen sollen… oder einen Kasten Bier.
Alles Blödsinn sei das! Was bringe es denn, wenn Deutschland aus der Kernenergie aussteigt? Deutschland sei doch nur ein kleiner Teil der Welt und überall sonst werden weiter Atomkraftwerke gebaut. Und überhaupt: wenn sich was ändert, dann nur wegen dem Geld! An dieser Stelle versäumte ich es zu fragen, wer denn einen finanziellen Vorteil davon hätte, dass Homosexualität nicht mehr strafbar ist, andererseits wohl auch besser so. Nein, dieses System könne man nicht ändern, das funktioniert nicht so einfach. Es gäbe überhaupt nur drei Wege damit umzugehen:

  1. einen Haufen Geld und Macht anhäufen und Veränderungen kaufen oder
  2. alles weg bomben, was man für falsch hält oder
  3. ganz einfach den Wasserhahn zudrehen

Der Wasserhahn ist durchaus wörtlich gemeint, dass wäre nämlich der beste Weg: akzeptieren, dass man das große System nicht ändern könne und an den kleinen Stellen etwas bewegen, an denen man etwas bewegen könne, so wie er: er kontrolliere nämlich seinen Wasserverbrauch und das sei viel mehr wert, als der unsinnige Versuch andere Menschen davon zu überzeugen, dass man global Wasser sparen müsse. Das würde nämlich nie funktionieren und wenn man selbst seinen Wasserverbrauch unter Kontrolle halte, dann würde schon alles gut werden – er habe ja schließlich ein reines Gewissen. Es müsse nur jeder so sein wie er und für sein eigenes Leben die Verantwortung übernehmen, Wasser sparen und nach Möglichkeit auf das Internet verzichten, dann würde alles gut werden. An dieser Stelle war die Diskussion für mich beendet, aus mehreren Gründen. Zum einen mussten wir zum Bus – wir hatten nämlich unser Taxigeld in die Sammelente geschmissen, pure Geldverschwendung wie ich erklärt bekam, schließlich könne man ja eh nichts verändern – und zum anderen war ich der festen Überzeugung, dass er sich da in einige Widersprüche verstrickt hätte (er bestritt irgendwelche Widersprüche in seiner Argumentation natürlich energisch, er bestritt einfach die jeweiligen Aussagen gemacht zu haben – die drei anderen Personen im Raum, die das auch gehört hatten, hatten wohl einfach die selben Wahnvorstellungen wie Andrea und ich):

  1. wenn es sinnlos sein soll, dass z.B. Deutschland aus der Kernenergie aussteigt, weil ja schließlich die ganze Welt aussen rum weiter Kernkraftwerke baut, warum soll es dann sinnvoll sein, dass ein einzelner Mensch, der ja noch ein viel kleinerer Teil dieser Welt ist, ein bisschen Wasser spart? Oder anders rum: wenn es sinnvoll sein soll, dass ein einzelner seinen Wasserverbrauch reduziert, warum soll es dann sinnlos sein, wenn ein Land aus der Kernenergie aussteigt? Wenn das alle machen würden, aber dann…
  2. …müsste man ja allen erklären und sie überzeugen, dass es sinnvoll ist, Wasser zu sparen, damit sie ihre persönliche Verantwortung erkennen und danach handeln. Das aber sei ja sinnlos, schließlich könne man nichts verändern und niemanden überzeugen, weil sich ja eh jeder nur für sein täglich Brot interessiere – wie dann aber alles gut werden soll, nur weil einer weiss, wann er den Wasserhahn abdrehen muss…

Und ich verstehe es immer noch nicht, wie das zusammen passen soll… aber was weiß ich denn schon. Ich verstehe ja nicht mal den Sinn dahinter, die Fahrgäste eines Busses alle aussteigen zu lassen, etwa 150 Meter von einer Haltestelle zur nächsten laufen zu lassen, um sie dort 5 Minuten – in denen der Bus an der erstgenannten Haltestelle rum steht – später wieder in den selben Bus mit dem selben Fahrer einsteigen zu lassen zur Weiterfahrt. Ich habe halt einfach keine Ahnung, sonst würde mir das alles doch einleuchten… oder mir fehlt einfach die Erfahrung eines sozialwissenschaftlichen Studiums und der dazugehörigen Gehirnwäsche, die offenbar jeden Funken von Logik verödet.

Autor: Carsten Dobschat

Geboren 1974, links-liberal, früher Mitglied der SPD und Jusos, dann lange parteilos, später Piratenpartei, wieder parteilos und seit November 2016 wieder SPD-Mitglied - wenn auch mit Bauchschmerzen, aber man muss ja schließlich was tun gegen den Rechtsruck.

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