Alice Weidel – die deutsche Barbara Streisand

Man sollte meinen, dass der Streisand-Effekt inzwischen allgemein bekannt wäre – aber Alice Weidel und die anderen AfDer haben nun bewiesen, dass dem nicht so ist. Und so wurde aus Alice Weidel die deutsche Barbara Streisand.

Klar, Frau Weidel ist keine Schauspielerin oder vielleicht doch, aber zumindest nicht beruflich. Aber sie lernt nun auf die harte Tour, dass das Unterdrücken von Informationen heute nicht mehr so funktioniert wie in Zeiten vor dem Internet. Dabei hätte sie das doch einfacher haben können und in der Wikipedia nachschauen können:

Als Streisand-Effekt wird ein Phänomen bezeichnet, wonach der Versuch, eine unliebsame Information zu unterdrücken oder entfernen zu lassen, öffentliche Aufmerksamkeit nach sich zieht und dadurch das Gegenteil erreicht wird, dass nämlich die Information einem noch größeren Personenkreis bekannt wird.

Aber nein, Frau Weidel musste es ja unbedingt selbst ausprobieren. Falls es jemand verpasst hatte: Bei einer Rede rief Frau Weidel, die politische Korrektheit gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte. Und Satiriker Christian Ehring griff das in der Satiresendung extra 3 auf und pflichtete ihr bei: „Jawoll, lasst uns alle unkorrekt sein. Da hat die Nazi-Schlampe doch recht.

Kann man auch hier im Video von jung & naiv sehen:

Eindeutig Satire, oder nicht? Oder waren nicht gerade die AfDer die größten Verteidiger der Satirefreiheit, als es darum ging, dass der türkische Präsident sich durch einen satirischen Beitrag geschmäht fühlte und dagegen klagte? Na gut, das war Erdogan, der ist ja auch ein Türke und der Türke soll einfach das Maul halten? Oder wie soll man das verstehen?

Lustig ist ja, wie die Dame dann den satirischen Beitrag in einen Zusammenhang mit einem Tweet vom letzten Jahr bringt:

Da fordert doch der Ralf Stegner tatsächlich, man müsse „Positionen und Personal der Rechtspopulisten attackieren“. Also gut ist ja schon mal, dass sich die AfDer selbst also als Rechtspopulisten verstehen, stimmt ja auch für sehr viele von ihnen zu. Andere sind noch weitere rechts, aber egal, anderes Thema. Fakt ist aber, dass man da schon sehr großzügig interpretieren muss, wenn man aus „Positionen und Personal attackieren“ einen Aufruf zu körperlichen Attacken machen will. Himmel, Ralf Stegner mag laut sein, aber hier geht es doch offensichtlich um eine inhaltliche, rein verbale Attacke und Auseinandersetzung. Mehr nicht.

Aber zusammen mit der satirischen Nazi-Schlampe fabuliert Frau Weidel etwas von einer bedrohten, persönlichen Sicherheitslage. Und natürlich ihre Kinder, die ja eigentlich – folgt man dem Programm der AfD – vor ihr geschützt werden müssten. Aber bevor ich jetzt noch mit dem Irrsinn anfange, dass eine durch und durch homophobe Partei nicht nur homosexuelle Mitglieder hat, sondern sich eine homosexuelle Spitzenkandidatin wählt, wieder zurück zum Beginn.

Alice Weidel hat also gegen die Nazi-Schlampe geklagt. Also nicht gegen die Nazi-Schlampe – das wäre in dem Zusammenhang ja irgendwie sie selbst und sich selbst zu verklagen wäre ja selbst für eine Nazi-Schlampe äußerst dumm und sie ist ja keine Nazi-Schlmape – sondern dagegen, dass sie so genannt wird, auch nicht in einem satirischen Kontext von einem Satiriker in einer Satiresendung. Nachdem der NDR keine Unterlassungserklärung unterschreiben wollte, versuchten es Frau Weidel und die AfD beim Landgericht Hamburg mit einer einstweiligen Verfügung. Normalerweise ist das eine sichere Nummer, ich mein, das Landgericht Hamburg, ihr wisst, was ich meine. Aber Frau Weidel holte sich hier eine Abfuhr.

Und nun – kommen wir nun endlich zurück zum Streisand-Effekt – berichten alle Medien des Landes darüber, dass Christian Ehring Frau Weidel am 27. April bei extra 3 als Nazi-Schlampe bezeichnet hat, weil sie die politische Korrektheit auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen wollte – und weil das Satire war, ging das so in Ordnung. Hätte Frau Weidel das auf sich beruhen lassen, dann wüssten bis heute nur vergleichsweise wenige von der Nazi-Schlampen-Sache, aber weil sie ja unbedingt klagen musste, weiß spätestens seit heute wirklich jeder davon. Tja, so ist das mit dem Streisand-Effekt. Und würde der Streisand-Effekt nicht Streisand-Effekt heißen, dann könnten wir ihn jetzt Weidel-Effekt nennen, aber immerhin gehören Frau Weidel und die Nazi-Schlampe nun zu den Beispielen, mit denen man den Streisand-Effekt wunderbar erklären kann.

P.S.: Ich distanziere mich hier ausdrücklich von Frau Weidel, von Nazi-Schlampenund AfDern, gestehe aber ein Fan von extra 3 zu sein und ja, als ich die Nachricht hörte, dass Frau Weidel vom der Landgericht Hamburg gescheitert ist, dann war das schon so ein bisschen ein innerer Reichsparteitag (was jetzt auch nicht unbedingt eine politisch korrekte Formulierung ist, aber ich will ja, dass auch die AfDer verstehen, was ich damit meine).

Beitragsfoto: Von MAGISTER – MAGISTER, CC BY-SA 3.0 de, Link

Autor: Carsten Dobschat

Geboren 1974, links-liberal, früher Mitglied der SPD und Jusos, dann lange parteilos, später Piratenpartei, wieder parteilos und seit November 2016 wieder SPD-Mitglied - wenn auch mit Bauchschmerzen, aber man muss ja schließlich was tun gegen den Rechtsruck.

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